Die Halbwertszeit schöner Dinge

By 19. Juli 2018Deutsch, Gedicht, Poesie, Texter

Wie es dir damit geht, fände ich spannend. Ich für meinen Teil liebe schöne Dinge. Seitdem ich denken kann, ziehen sie mich an: eine mundgeblasene Glasperle, ein Perlmuttknopf, ein Blatt Papier mit einer Cartoon-Figur darauf. Mit zunehmendem Alter wähle ich selektiver, die Prioritäten, die Wertigkeit verschiebt sich.

Was ich an schönen Dingen liebe, ist, dass allein der Betrachter ihnen Schönheit verleiht. Was für den einen Kitsch und Kram, ist für mich ein schönes Ding, das meine Seele erfreut. Neben dieser regelfreien, quasi anarchischen, individuellen Wertung von Schönheit, gibt es noch mehr Faktoren, die schöne Dinge für mich so reizvoll machen.

Da ist zum einen die Hintergrundgeschichte. Wo erwerbe ich es? Auf einer exotischen Insel, weit entfernt von daheim? Oder in der Heimat? Was verbinde ich mit diesem Ort? War ich zu diesem Zeitpunkt glücklich? Hat mir gar das schöne Ding einen Glücksmoment geschenkt? Ist es vielleicht ein Schnäppchen vom Trödelmarkt, das ich wie einen Schatz im Ozean gefunden und zielstrebig geborgen habe? Mit jedem schönen Ding trage ich eine spannende Geschichte mit mir nachhause. Die jederzeit zum Abruf kommen kann, sobald jemand ein Kompliment ausspricht. Bewundernd ausruft: Wie schön! Wo hast du das denn her?

Zum anderen ist der Besitz des schönen Dings selbst reizvoll. Ist es ein Ding, das in seiner Schönheit wahrhaftig meine Seele berührt? Aus welchem Grund hat es seinen Weg zu mir gefunden: Reine Ästhetik, Symptom eines Trends, Befriedigung eines Bedarfs, Liebe auf den ersten Blick? Oder Kompensation für Stress, Geldmangel, Probleme, Krankheit? Über die schiere Anschaffung schöner Dinge allein kann ich mir wirkliches Glück, Zufriedenheit, Freude nicht kaufen. Allenfalls erleichtern und verschönern sie mein Leben.

Die Halbwertszeit schöner Dinge messe ich daran, dass sie eine Saite in mir zum Schwingen bringen. Und diese Saite hört nicht auf zu schwingen. Auch nach Jahren und Jahrzehnten. Ein wahrhaft schönes Ding, einmal erkannt, behält und steigert seine Schönheit. Es macht mich lange glücklich. Weil es einen tatsächlichen Mehrwert bietet – selbst, wenn dieser vielleicht rein emotional ist. So geht es mir mit schönen Dingen. Und dir?

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Ich bin Monika und das Gesicht hinter texts by monswap. Als lebenslanger Bücherwurm, gelernte Buchhändlerin und Literaturwissenschaftlerin liebe ich Sprache und das geschriebene Wort. Deswegen lege ich auch in meiner Freizeit selten den Stift aus der Hand.

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